Reissues

Bereits ein knappes halbes Jahr nach - Strange Orchestras - stellte ich im August 1985 das zweite Tape - Schwefel 2nd - fertig, welches Ihr Euch hier runterladen könnt.

 

Schwefel – 2nd (Aug.1985) composed & produced by Norbert Schwefel
Remastered at Sulphur Sonic März 2010 mit teschnischer Unterstützung von René Schmidt, Volker Langenfelder und Charles Lemming

1. Little Devil In The Hole (3:14)
2. Break Neck Break (words by Charles Lemming) (3:31)
3. Schizophrenic Party (Train Of Thoughts) (words by Charles Lemming) (4.30)
4. Rhino (3:40)
5. Shame Wife (3:13)
6. Sale Of The Century (5:56)
7. Rant Block (words by Ed Sanders) (5:08)
8. Cockman (words by George Montgomery) (5:38)

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Norbert Schwefel – Vocals, Guitars, Bass, Piano, Keyboards
Thorsten Görner (Charles Lemming) – Lead Vocals on 2 + 3
Norbert Fendrich – Vocals on 6
Gabi Auer – Saxophone on 6
Dieter Hirsch – Backing Vocals on 5

 

Das zweite Tape Schwefel 2nd und der erste Schritt zum Hype

What a Tape! Hatte ich mich mit dem ersten Tape noch im anonymen Terrain der Avantgarde bewegt, sollte sich jetzt das neue sehr aufregend entwickeln.
Zuerst mussten einfach nur ein paar Drumsounds her. Mein Freund Wolfgang Schneider, der in einem Musikgeschäft arbeitete, gab mir die Möglichkeit, Drum Machine Loops aufzunehmen, dabei trommelte ich während den langweiligen Wiederholungen meistens auf den Pads rum, was später im Gesamtsound heftig rumorte. Es kam die Frage auf, wo die genialen Untergrundgeräusche herkämen, die man so noch nie vorher gehört hätte.
Seit der Fertigstellung von „Strange Orchestras“ sind ein paar Monate ins Land gezogen. Ich hatte mein persönliches Tief überwunden und bekam langsam mehr soziale Kontakte. Die Aufnahmen für Schwefel 2nd fanden im Sommer statt, teilweise unter Einfluss von Speed. Hatten wir uns ein paar Jahre vorher in Lampertheim noch mit Schlafmitteln betäubt, um dem unerträglichen System zu entkommen, waren wir jetzt gedopt. Aber eigentlich fand ich es immer etwas sonderbar. Man wuchs plötzlich hypermotiviert über sich hinaus, um am nächsten Tag in seinen Depressionen unterzugehen. Außerdem war es eine synthetische Droge, und das hatte immer einen herben Beigeschmack. Aber da war ja noch meine potente Marihuana-Pflanze, die auf meinem Balkon thronte, drum herum rannte ein weißer Hase, den meine Ex bei ihrem Auszug einfach stehen gelassen hatte. Das passierte alles genau gegenüber des Ordnungsamtes, wo auch viele uniformierte Polizisten nach Ordnung lechzten. Ich wohnte im 3. Stock der lautesten Straße in ganz Mannheim. Mein Vermieter sagte einmal zu einem wohnungssuchenden jungen Paar, als sie bei einer Wohnungsbesichtigung gemeinsam auf meinen Balkon herunter sahen: „Sehen Sie, da wohnt der Herr Schwefel, der ist Gärtner von Beruf, schauen Sie was er für eine schöne Pflanze hat“, um den jungen Mietern zu verstehen zu geben, dass eine Begrünung seines Balkons im tristesten grauen Umfeld der Schokoladenfabrik erwünscht sei. Die laute Musik, die ich oft durch das Haus fegen ließ, verschwieg er allerdings, denn die war bei ihm und seinen ganzen anderen spießbürgerlichen Mietern, die glücklicherweise nie zuvor eine Marihuana-Pflanze gesehen hatten, nicht erwünscht. Dass hier nun das erste legendäre Rock´n´Roll Tape von Schwefel entstehen sollte, war ihm ein echtes Ärgernis. Vor allem, wenn mein alter Freund Thorsten Görner, der jetzt ein Punk war, mit donnernden Schritten seine Springerstiefel sprechen ließ. Denn er rannte jeden Tag mehrmals die Treppe hoch und runter und brachte den Vermieter völlig in Rage. (Thorsten Görner nannte sich kurze Zeit später in Charles Lemming um und veröffentlichte 88 und 89 unter dem Namen „Charles Lemming and the Heart Attack“ eine EP und eine Single, dann verließ er Mannheim, um bis heute in Berlin ein gut gebuchter Schauspieler zu werden.)

 

 

Thorsten Görner, wie er damals noch hieß, war sehr aktiv, hatte Texte und sang spontan auf zwei Playbacks, die ich bereits vorproduziert hatte. Das waren die Songs „Schizophrenic Party“ und „Break Neck Break“. Vom ersten der beiden sollte man später noch einiges hören. Die Songs „Little Devil In The Hole“, „Rhino“ und „Rant Block“ sind Solostücke, die auf die gleiche Weise entstanden sind wie auch schon die Songs auf Strange Orchestras. Aber im Gegensatz zu den Aufnahmen des ersten Tapes erinnere ich mich besser daran. Ich spielte dieses Material hauptsächlich nachts ein. „Rant Block“ war mein Lieblingsstück, der Text ist von Ed Sanders, der im Buch Acid abgedruckt war; dieses Lied entfaltete eines morgens, nach einer durchgemachten Nacht auf Speed, eine unglaubliche Schönheit, an die ich mich noch sehr gut erinnere. Die Experimental Band Le Tombeau um den Keyboarder Klaus Adelmann und dem Sänger Norbert Fendrich, in der ich spielte und mit denen ich auch ein paar Live-Auftritte hatte - „The Music Crept By Us“ von Strange Orchestras war im Programm - löste sich dann wegen Equipmentproblemen auf. Norbert Fendrich sang daraufhin den Song „Sale of the Century“ auf Schwefel 2nd. Dass er den Text einfach bei Bill Nelson geklaut hatte, war mir erst hinterher aufgefallen. Auch dass seine Aussprache etwas unenglisch war, störte uns nur wenig. So entwickelte sich langsam eine etwas andere Arbeitsweise, Leute wurden mehr in die Aufnahmen miteinbezogen. Thorsten Görner hatte das Label „Lyra“ ins Leben gerufen und nahm die Kassette unter seine Fittiche. Er hatte sehr viel Kontakt zur Szene und stellte auch einen Kassetten-Sampler mit lokalen Bands zusammen, den er nach unserem gemeinsamen Song „Schizophrenic Party“ benannte. Das Stück war der Opener auf der Kassette. Sie verband eine richtige kleine Szene und die Qualität der Musik war überraschend gut. Thorsten hatte einen geschmackvollen Sampler kreiert und etwas bewegt. Erste unabhängig organisierte Konzerte wurden veranstaltet und wir sollten natürlich unseren Hit „Schizophrenic Party“ spielen. Nur eine Band hatte ich nicht und alle Versuche einer ernsthaften Reproduktion unseres Machwerks scheiterten kläglich. „Cockman“ war das zweite Stück aus Schwefel 2nd, das auch auf den Sampler kam. Der Text war von George Montgomery, wieder im Buch Acid abgedruckt. Auch wenn es hier den Anschein macht, war es nicht mein einziges Buch, aber es beschäftigte sich mit der Beatnik-Ära, die damals für mich neu war. „Cockman“ war eine Komposition auf dem Klavier, ein bisschen im Stil von Peter Hammill. Das war zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich: eine epische Klavierhymne an den New Yorker Cockman, der der größte Schwanz-Freak seit King Kong in den 30ern war und so jung gestorben ist wegen seiner verdammten Eifersucht. War das nicht altmodischer Hippiekram? (Diesen Text habe ich übrigens für die King Kong Vertonung beim Nachtwandel 2009 wieder ausgegraben. Ein Live-Mitschnitt dieser Performance ist aktuell unter dem Titel „King Kong Proves That Larger Is Better“ auf CD erschienen).

Nun ja, also ein zweites Tape. Aber das bedeutete jetzt nicht mehr nur eine Kassette, weil man ein armer Hund ohne Erfolg war. Sondern jetzt war auch das Format cool. Hatte sich doch wirklich in der Provinz Mannheim eine Szene herausgebildet, die zwar auch schon mit dem Vinyl Sampler „Mannheim Lacht“ überregional für Aufsehen gesorgt hatte, aber hier eine gewisse Weiterentwicklung darstellte, und ich mittendrin. Ich wurde sogar in Köln von einer kleinen Heavy Metal Firma eingeladen, die ein Demotape von „Schizophrenic Party“ in die Hände bekam. Man glaubt es nicht. Sie entschuldigten sich für ihren beschissenen und rückständigen Sound, und als ich danach durch die Kölner Innenstadt ging, waren die Schaufenster der Schallplattenläden voll mit Platten und Plakaten von Doro Pesch. Oh no! Das konnte nicht die Zukunft sein, da war unser Sound wohl aufregender. Dann wurde „Schizophrenic Party“ in der Mannheimer Hard Rock Disco ein Hit, ich glaube sie spielten es jeden Tag, und ein richtiger Schwefel-Hype war plötzlich in Bewegung gekommen.

Aber das Tape hatte auch seine Schattenseiten, es wurde turbulenter um mich herum. Die Avantgarde verflüchtigte sich und der raue Rock´n´Roll Lifestyle hatte Einzug gehalten. Ein etwas eingefahrenes Image haftete mir plötzlich an, was ich nie mehr loswerden sollte und was später in so manchen Exzessen endete.
Dennoch bekam ich auch Zugang zur Kunstszene. In der Kommune der Wormser Fabrik hatten sich Bildende Künstler niedergelassen. Alte Bandkollegen meiner Neue Deutsche Welle-Band Backwahn wohnten dort schon eine ganze Weile. Das Bild auf dem Cover von Schwefel 2nd ist von Armin Kühne, er war mir in der Fabrik aufgefallen. Thorsten managte das und wir hatten jetzt auch echte Kunst auf dem Cover, die aus unserer Szene kam. Es zeigt einen kleinen Wilden, der aus seinem schrägen Zimmer zu entkommen versucht, es aber dabei vorzieht nicht durch die Tür, sondern durch die Wand zu gehen. So seh ich es jedenfalls, da ich hinterher von dem Künstler nie mehr was hörte, konnte er mir auch nie den wahren Sinn des Bildes erklären.

 

NORBERT SCHWEFEL